Missbrauch der Geschichte mit ostdeutschen Ikonen
Bald vierzig Jahre ist es her, dass Deutschland in einer gewaltlosen Revolution wiedervereinigt wurde.
Ich nehme momentan einen ruchlosen Missbrauch unserer Geschichte wahr, der die DDR romantisiert: Mit ostdeutschen Ikonen wie den Mopeds Simson KR51 (die‚Schwalbe‘) und S51 und dem Fußballverein Hansa Rostock versuchen extremistische politische Parteien ein Bild von Freiheit, Unabhängigkeit und ostdeutscher Identität zu vermitteln.
Das Konzept der extremistischen Parteien funktioniert so gut, weil andere Parteien die Leerstelle des Begriffs einer ostdeutschen Identität mit der Anerkennung der Geschichte nicht besetzen. Also so ungefähr: Radikal-Ostalgie versus keine Geschichte.

Widerstand der Nachfahren der Simson-Gründer
Die Nachfahren der jüdischen Familie Simson, die das Unternehmen gründete, sind entschieden gegen diese Vereinnahmung und betrachten sie als eine Beleidigung ihres Namens und ihrer Geschichte. Der Sprecher der Familie, Dennis Baum, hat klar geäußert, dass sie sich gegen die Nutzung ihres Namens durch eine extremistische Ideologie wehren (Quelle).
Die typische ‚Ost-West-Familie‘
Meine Familie ist eine typische ‚Ost-West-Familie‘ mit einer Biografie, die die an diesem Teil der Geschichte größtenteils desinteressierte Bevölkerung im tiefen Westen nicht hat: Meine Eltern zogen 1957/58 wie so viele aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands in den Westteils Berlins. Um die Massenflucht dieser jungen Leute zu verhindern, errichtete die DDR-Elite 1961 die Mauer. Ein Mitglied meiner Familie wurde in jenen Tagen des Jahres 1961 als Kind von der Westseite auf die hüfthohe Mauer gesetzt und provozierte so den Wurf einer Blendgranate durch die DDR-Grenzer.
Coca-Cola statt Politechnischem Unterricht
Warum die Extremisten heute so erfolgreich sind: Die positiven Aspekte der DDR – zum Beispiel ein allgemeinbildendes und berufsorientierendes Bildungssystem für die Breite der Bevölkerung, eine zuverlässige Kinderbetreuung und eine umfangreiche Gesundheitsversorgung – wurden 1989 gegen Coca-Cola, Levi’s Jeans, Adidas-Schuhe und Fernseher von Sony oder Philips eingetauscht.
Die Idee, eine Antwort auf das System und die Verbrechen der NS-Zeit zu finden, kam 1949 und 1989 gleich zweimal unter die Räder.
Die politischen Extremisten nutzen das sehr begrenzte Geschichtswissen der Bevölkerung.
Vielleicht hilft gegen die verzerrenden Aspekte der Ostalgie, die die Geschichte völlig ignoriert, die Erinnerung an drei Biografien:
Michael Gartenschläger
Michael Gartenschläger war ein DDR-Bürger, der 1976 versuchte, zum zweiten Mal eine Selbstschussanlage von der Ostseite des Grenzzauns abzumontieren. Diese wollte er als Beleg für die repressive Politik der DDR präsentieren. Er wurde verraten und von einem Sonderkommando der Staatssicherheit erschossen. Sein Tod löste auch international große Empörung aus und wurde zum Symbol für die Gewalt an der Grenze.

Oskar Brüsewitz
Oskar Brüsewitz war ein evangelischer Pfarrer, der 1976 in der DDR durch Selbstanzündung protestierte. Sein Akt wurde zum Zeichen des Widerstands gegen die repressiven politischen Bedingungen. Bezeichnend: Brüsewitz wurde von der Stasi als psychisch krank dargestellt (die Unterlagen sind hier öffentlich einsehbar) wurde posthum zum Symbol für den mutigen Protest gegen das autoritäre Regime.

Wolf Biermann
Wolf Biermann war ein Liedermacher und kritischer Künstler, der 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde. Seine Kritik an der Sozialistischen Einheitspartei und der DDR und die Veröffentlichung seiner Lieder im Westen führten zu seiner Ächtung in der DDR.