Die kleine Depression vergeht auch wieder – OpenOffice.org oder LibreOffice in der Schule

Es ist zeitweise sehr trockenes Brot, sich für Opensource im Bildungsbereich einzusetzen. Man ringt bei den Beteiligten mit Vorbehalten und Vorurteilen, mangelnder Flexibilität, ein bisschen Trägheit und öfter mal einer Prise Arroganz. Das technische Unvermögen der Anwenderinnen und Anwender verzeihen wir und legen uns noch mehr ins Zeug, die Systeme einfach zu gestalten.

Im Alltagsgeschäft als Lehrerin oder Lehrer geben wir unser Bestes, unsere Schülerinnen und Schüler fit für das Leben zu machen. Seit der von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) initierten PISA-Schulleistungsstudie wird ‚Lernen fürs Leben‘ gleichgesetzt mit ‚Lernen für die berufliche Zukunft‚. Aber auch darauf lassen wir uns ein, und betonen besonders die Professionalität von Opensource mit Linux-Betriebssystemen, Programmen wie GIMP, Blender, und Lightworks (für Windows). Und wir freuen uns mitteilen zu dürfen, dass Fluglinien Linux als Mediensystem einsetzen.

Und dann erwischt einen bei der Sichtung von Stellenanzeigen in der regionalen Presse eiskalt das Motto ‚Think global, be frustrated local‚ (für den vollen Effekt das Bild anklicken):

(Quelle: Landeszeitung Lüneburg, Ausgabe 25./26. Juni 2011)

Heißt das etwa, dass wir im kleinen, abgeschlossenen Schulkosmos die Schülerinnen und Schüler zu Produkten drängen, die sie im späteren (Berufs-)Leben gar nicht nutzen können? Oder noch spitzer: Beim Bewerbungsgespräch wird dann geäußert, dass der Schüler/die Schülerin mit „den Programmkenntnissen von diesem kostenlosen Zeug nicht brauchbar ist„?

Wir erfahren ein kleine Depression!

 

 

Die Bedeutung von OSS in der Schule

Niemand kann Arbeitgebern vorschreiben, welche Software verwendet wird. Anders als vielleicht in der öffentlichen Verwaltung regelt dies der Markt, oder das Engagement der Außendienstler der kommerziellen Anbieter. Und hier lohnt sich ein Blick in die Details: Eine schlau ausgestaltete Marktuntersuchung kommt zum Ergebnis, dass im Januar 2010

  • auf rund 72% der Rechner Microsoft Office,
  • auf rund 21% OpenOffice (bzw. LibreOffice) installiert ist.

Wir pflegen im Informatik-Unterricht an unserer kleinen Haupt- und Realschule in der Lüneburger Heide das Andenken an Marco Börries mit Referaten und Präsentationen (macht das sonst jemand in der Republik?). Der wäre bzw. ist ja vielleicht begeistert, dass der Ableger seines kleinen StarOffice-Produkts solch einen beachtlichen Marktanteil hat.

Und es gibt die kleine Liste wichtiger Argumente für Opensource-Software an der Schule:

  • Wer es noch nicht weiß: Sie ist in der Regel kostenlos bzw. lizenzfrei. Zahlen müssen Sie eventuell für einen Support (oder im schlechtesten Fall für eine Abofalle). Schülerinnen und Schüler können auch ohne Einkommen die Software beziehen, die vielen kostenlosen Supportforen beantworten fast jede Anwenderfrage.
  • Die Lizenzfrage ist nicht selten ein Knackpunkt in der Schule: Auch wenn geschätzt bis zu einem Drittel der Schulen mit ihren Windows-Installationen gegen Lizenzbedingungen verstoßen, kommt z.B. bei der Einführung eines Schulserversystems ‚der Tag der Wahrheit‘ – ein Windows-Lizenzschlüsselserver lässt sich selten vermeiden. Und es ist eine immense Entlastung, auf der sicheren Seite zu sein.
  • Schülerinnen und Schüler verwenden keine Raubkopien. Der Begriff ‚kostenlos und quelloffen‘ im Gegensatz zu „bekommt man doch überall im Netz“ bedarf der Erläuterung, aber die Kinder und Jugendlichen verstoßen nicht gegen geltende Gesetze.
  • Speziell Linux-Betriebssysteme und deren Anwendungsprogramme sind in besonderer Weise zu internationalisieren. Einen Linuxdesktop kann man mit geringstem Aufwand in vielen Sprachen (z.B. türkisch, polnisch, russisch) aufrufen. Es ist ein dankbarer Job gewesen, eine Jugendliche aus einer vor kurzem eingewanderten Familie unterrichtet zu haben, die an ‚ihrer Maschine‘ ohne Sprachbarriere saß.
  • Anfang 2011 wurden erstmals mehr Smartphones (mulitfunktionale Minicomputer) als PCs verkauft: Damit eroberte das linuxbasierteAndroid innerhalb von 3 Jahren rund 23% des Marktes, bei 16% iOS (Apple) und nur 4% Microsoft Windows Phone (rund 40% Symbian/Nokia und 16% RIM/Blackberry) – die Schülerinnen und Schüler müssen mehr denn je Anwendungskompentenz statt spezifischer Produktkompetenz erwerben. Da es nach Amerika auch in Deutschland Schulprojekte z.B. mit Tablet-PCs gibt, kann es gar keine Festlegung auf eine Oberfläche geben.
  • Stichwort Ressourcenschonung: Unterschiedliche Linux-Ableger (Distributionen bzw. Desktops) ermöglichen die Arbeit mit ausgemusterter, älterer Hardware, die für sehr wenig Geld erhältlich ist.
  • Linux-OS sind im Allgemeinen und Besonderen auf Barrierefreiheit ausgelegt: Mit einer Vielzahl von Anpassungen können auch (teil-)behinderte Schülerinnen und Schüler Computer bedienen.
  • OpenSource-Software ist hochentwickelt: In Europa hat der Opensource-Browser Firefox längst den proprietären Internet-Explorer bei den Nutzungszahlen überholt, der VLC-Player ist wegen seiner Universalität weit verbeitet. Diese Programme sind in der Regel betriebssystem-unabhängig. Und wer wie der Autor seit Jahren Linux-Anwender ist, merkt bei der Verwendung des Marktführer-OS Windows, wie komfortabel diese Systeme sind.
  • Updates sind nicht auf einen ‚Patchday‘ (Microsoft) beschränkt, sondern werden kontinuierlich entwickelt und eingespielt. Und als geborenes Mehrbenutzersystem beherrscht Linux eine ausgefeilte Rechtevergabe, mit denen die Systeme schwerer zu kompromittieren sind.

Hoppla, hatten wir eine Depression?

Wir gehen noch einmal an den Anfang: Schule gestaltet Gesellschaft und unsere Kinder und Jugendlichen können die Arbeitgeber von morgen sein. Setzen wir uns für Opensource in der Schule ein, bleiben wir also weiter im modernen Konzept schulischer Bildung und flüchten nicht auf den Idealistenzweig. Opensource ist eine zukunftsfähige, nachhaltige Alternative, die berechtigt, sie schwerpunktmäßig in der Schule einzusetzen.

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